Portrait

Edith Piaf Edith Piaf

Moral ist, wenn man so lebt, dass es keinen Spaß macht.
 


Kurzporträt von Dieter Wunderlich

Anita Gassion verdiente ihren Lebensunterhalt als Sängerin in Kneipen und Straßen. Ihre Ehe mit dem Straßenakrobaten Louis Gassion ging nicht lange gut. Am 19. Dezember 1915 wurde sie von einer Tochter entbunden, die sie Edith nannte. Was sollte sie mit einem Kind?
Sie brachte Edith bei ihrer Mutter unter, die den Säugling nicht weniger lästig fand und ihm deshalb Alkohol in die Milch mischte.

Als Louis Gassion aus dem Krieg zurückkam, brachte er seine zweijährige Tochter zu seiner eigenen Mutter, die als Köchin in einem Bordell in der Normandie arbeitete. Nachdem Edith Gassion eingeschult worden war, dauerte es nicht lang, bis Eltern und Lehrer herausfanden, wo sie wohnte und dafür sorgten, dass sie die Schule wieder verließ. Da der Pfarrer sich dagegen verwahrte, dass Edith weiter bei ihrer Großmutter im Bordell lebte, blieb Louis Gassion nichts anderes übrig, als sie zu seiner akrobatischen Partnerin zu machen.


Je älter Edith wurde, desto stärker litt sie darunter, mit dem Hut betteln zu müssen. Im Alter von 15 Jahren verließ sie ihren Vater nach einem heftigen Streit und schlug sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch. Zwischendurch sang sie an Straßenecken in der Nähe der Place Pigalle. Dabei befreundete sie sich mit der ein paar Monate jüngeren Simone Berteaut.

Mit 17 war Edith schwanger. Am 11. Februar 1933 gebar sie eine Tochter: Marcelle ("Cécelle"). Mit ihr, dem Vater, einem Arbeiter namens Louis Dupont, und dessen Mutter lebte sie in einer kleinen Wohnung. Da hielt sie es nicht lang aus. Als Louis Dupont erfuhr, dass seine Tochter von der Mutter die wieder mit Simone Berteaut auf der Straße sang vernachlässigt wurde, holte er Marcelle zu sich. Das Kind starb im Alter von zwei Jahren an einer Hirnhautentzündung.

Zufällig hörte Louis Leplée, der Direktor des Cabarets "Gerny's", Edith auf der Straße. Daraufhin lud er sie zum Vorsingen ein. Sie bestand die Prüfung, und Louis Leplée gab ihr den Künstlernamen "Edith Piaf".
Bei ihrem Debüt im Oktober 1935 war auch Maurice Chevalier zugegen. Es war ein voller Erfolg.

Im April 1936 wurde Louis Leplée Opfer eines Raubmords und die Polizei zählte Edith Piaf zu den Verdächtigen. Man verhaftete sie, konnte ihr aber nichts nachweisen und musste sie deshalb wieder freilassen.

Der Chanson-Texter Raymond Asso, den Louis Leplée noch kurz vor seiner Ermordung mit der zehn Jahre jüngeren Edith Piaf bekannt gemacht hatte, nahm sich ihrer an, erklärte ihr nicht nur, auf was es bei Chansons ankam, sondern hielt sie auch zu mehr Körperpflege und einer passenderen Frisur an und unterrichtete sie in der korrekten Aussprache. Schließlich wurde aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis eine Liebesbeziehung.
Außerdem befreundete Edith Piaf sich mit der gut zwölf Jahre älteren Chansonkomponistin Marguérite Monnot.

Während die Freundschaft mit Marguérite Monnot ein Leben lang hielt, ging die Affäre mit Raymond Asso nach wenigen Jahren zu Ende. Danach führte Paul Meurisse Edith Piaf in die gehobene Gesellschaft ein und zeigte ihr, wie man sich dort benahm. Die Namen ihrer Liebhaber wurden immer berühmter:
Henri Contet, Yves Montant, Charles Aznavour, Eddie Constantine.

Jean Cocteau überredete Edith Piaf im April 1940, in seinem Theaterstück "Le bel indifférent" mitzuspielen.

Im Sommer 1944 galt die zierliche, 1,47 m große Sängerin im "Moulin Rouge" als Hauptattraktion.

Zwei Jahre später sang Edith Piaf im "Club des Cinq". Dort lernte sie den Boxer Marcel Cerdan kennen, dessen Geliebte sie wurde, obwohl er in Casablanca eine Familie hatte. Ohne ihn hielt sie es kaum aus. 1949 unternahm Edith Piaf eine Tournee durch die USA; Marcel Cerdan sollte ihr nach einem wichtigen Boxkampf in Frankreich folgen. Ungeduldig drängte sie ihn, nicht, wie geplant, ein Schiff zu nehmen, sondern zu fliegen. Die Maschine zerschellte am 28. Oktober 1949 auf den Azoren.

Der plötzliche Tod ihres Geliebten und die Vorwürfe, die sie sich deshalb machte, waren zu viel für Edith Piaf:
Sie begann noch mehr als sonst zu trinken. Bei einem Autounfall am 24. Juli 1950 brach sie sich einige Rippen. Gegen die Schmerzen injizierte ihr eine Krankenschwester Morphium. Edith Piaf wurde süchtig.
Mehrere Entziehungskuren schlugen fehl.

Am 29. Juli 1952 heiratete Edith Piaf den Sänger Jacques Pills auf einem Standesamt in Paris, und am 20. September arrangierte Marlene Dietrich für das Paar eine kirchliche Trauung in New York. Aber das Zusammenleben der beiden wurde durch den Alkoholismus und die Drogensucht Edith Piafs zur Qual. 1956 reichte Jacques Pills die Scheidung ein.
Danach schaffte Edith Piaf es mit Hilfe von Ärzten und Schwestern, die Morphium-Sucht zu überwinden.

Zum "Hofstaat" Edith Piafs stieß auch der Gitarrist, Komponist und Sänger George Moustaki. Der 23-Jährige wurde zum Geliebten des 19 Jahre älteren Stars. Ihre gemeinsame Frankreich-Tournee wurde ein Riesenerfolg. Die geplante US-Tournee mussten sie allerdings um ein Jahr verschieben, als Edith Piaf bei einem Autounfall im Gesicht und an der rechten Hand verletzt wurde.

Nach einem Auftritt im Hotel "Waldorf Astoria" in Manhattan wurde Edith Piaf mit einem Magendurchbruch ins Krankenhaus eingeliefert. Bei einer gründlicheren Untersuchung diagnostizierten die Ärzte außerdem Leberkrebs.

George Moustaki verließ Edith Piaf während ihres Krankenhaus-Aufenthalts in New York. Anfang 1962 lernte die 46-Jährige den 20 Jahre jüngeren Griechen Théophanis Lamboukas kennen, der Sänger werden wollte und sich deshalb an sie gewandt hatte. Sie gab ihm den Künstlernamen Théo Sarapo und begann ihn aufzubauen, scheinbar unbeeindruckt von hämischen Kommentaren über das ungleiche Paar.
Am 9. Oktober 1962 heirateten sie in der griechisch-orthodoxen Kirche in Paris.

Théophanis Lamboukas alias Théo Sarapo mietete eine Villa in Plascassier bei Grasse, wo Edith Piaf am 10. Oktober 1963 unbehelligt von Journalisten sterben konnte.

© Dieter Wunderlich 2003

Die Fakten dieser Kurzbiografie entnahm der Autor v. a. dem Buch Ich gehe immer aufs Ganze.
10 Frauenporträts" von Karin Feuerstein-Praßer (2002). Keine trockenen Kurzbiografien, sondern farbige Porträts zehn außergewöhnlicher Frauen enthält auch sein Buch "EigenSinnige Frauen" (2002: 4. Auflage).

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