Portrait

Katharina die Große Katharina die Große

eigentlich Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst
 


Kurzporträt von Dieter Wunderlich

Die fünfzehnjährige Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst wird 1744 nach Russland gerufen:
Zarin Elisabeth sucht eine Braut für ihren Neffen, den Thronfolger Peter. König Friedrich II. von Preußen hat ihr die deutsche Prinzessin empfohlen. Auf Geheiß der Zarin darf sie auf der beschwerlichen Winterreise nach Moskau nur von ihrer Mutter begleitet werden.
Freudig erstaunt beobachtet die Zarin, wie sich Sophie zielstrebig auf ihre Rolle als Braut des russischen Großfürsten Peter vorbereitet und im Sommer feierlich das orthodoxe Glaubensbekenntnis in russischer Sprache aufsagt. Von nun an trägt sie den Namen "Katharina Alexejewna". Mit der Verlobung erhält sie den Titel einer Großfürstin.
In der Hochzeitsnacht liegt Katharina ängstlich wartend im Bett. Es ist bereits nach Mitternacht, als Peter ins Zimmer torkelt, Unverständliches lallt, angezogen aufs Bett fällt und zu schnarchen beginnt. Verwirrt starrt Katharina ins Dunkle.
Peter schläft zwar anfangs mit seiner Gemahlin in einem Bett, aber statt sie zu umarmen, breitet er vor dem Einschlafen seine Spielzeugsoldaten auf dem Laken aus und erfindet heroische Schlachten. Weder Katharinas Anmut noch ihr Körper erregen ihn; ihre Klugheit verstärkt nur seine Minderwertigkeitskomplexe. Nächtelang trinkt er mit seinen Lakaien, und wenn sie so betrunken sind, dass sie ihn wie ihresgleichen behandeln, prügelt er sie.
In ihrer Einsamkeit liest Katharina Tacitus, Montesquieu, Voltaire, begeistert sich für die Ideen der Aufklärung und denkt über Ethik, Politik sowie Fragen der Staatsführung nach. 1752 lässt sie sich auf eine Affäre mit dem gut aussehenden Kammerherrn Sergej Saltykow ein, und zwei Jahre später wird sie von einem Sohn entbunden. Unmittelbar nach der Geburt nimmt Zarin Elisabeth ihr den Säugling fort. Katharina hat ihre Schuldigkeit getan. Das Kind wird als ehelich anerkannt.
1755 verliebt sich die Großfürstin in den Polen Stanislaus August Poniatowski. Auch die Tochter, die sie 1757 gebiert, reisst die Zarin sofort an sich, und ihr Geliebter muss im Jahr darauf Russland verlassen.
Großfürst Peter bringt die etwa zehn Jahre jüngere Elisabeth Romanowna Woronzowa in seinen Gemächern unter. Die ordinäre und von Pockennarben entstellte Nichte des Vizekanzlers Michail Woronzow rechnet sich eine Chance aus, Katharina von der Seite des Thronfolgers verdrängen zu können, und Peter kann endlich ohne Minderwertigkeitskomplexe mit einer Frau zusammen seinen kindischen Launen nachhängen. Während im Siebenjährigen Krieg russische gegen preußische Truppen kämpfen, schwärmt er mit infantiler Begeisterung und auch aus reiner Oppositionslust für Friedrich den Großen.
Am 3. Januar 1762 erleidet die zweiundfünfzig Jahre alte Zarin Elisabeth einen Herzanfall. Sie stirbt. Ihr Neffe wird zum Nachfolger ausgerufen. Zar Peter III. zeigt unbekümmert, wie er sich freut, vom Gängelband seiner Tante befreit zu sein; endlich kann der beinahe Vierunddreißigjährige tun, was er möchte. Unwirsch reagiert er, wenn jemand in seiner Umgebung Trauerkleidung trägt. Dagegen sehen alle, die der Toten die letzte Ehre erweisen, Katharina schwarz verschleiert vor dem Katafalk knien, weinen und beten.
Im Winter 1760/61 wird der Gardeoffizier Grigori Orlow der Geliebte der fünf Jahre älteren Großfürstin. Er und seine vier Brüder erzählen ihren Kameraden, wie der Zar seine Frau schikaniert. Peter III. vernimmt Gerüchte und Berichte über Umsturzpläne, rafft sich jedoch nicht zu Gegenmaßnahmen auf. Am Morgen des 9. Juli begleiten Grigori und Alexej Orlow Katharina in St. Petersburg von Garderegiment zu Garderegiment und sorgen dafür, dass die Soldaten ihr Treue schwören. Vom Metropoliten lässt sie sich zur Alleinherrscherin erklären. Nach dem Segen tritt die neue Zarin mit ihrem ältesten Sohn Paul an der Hand aus der Kirche, um sich von den herbeigeströmten Menschen hochleben zu lassen. In einer Deutschen sehen die Russen die Vertreterin ihrer nationalen Interessen! Wenigen Frauen in der Weltgeschichte war es vergönnt, einen solchen Traum zu verwirklichen: Allein auf sich gestellt, als Autodidaktin und Ausländerin bringt Katharina es zur Alleinherrscherin eines der mächtigsten Staaten des 18. Jahrhunderts.
Peter III. wird gefangen genommen und gezwungen, seine Abdankungsurkunde zu unterschreiben. Einige Tage später gesteht Alexej Orlow der Zarin, dass ihr Ehemann ermordet worden ist. Katharina ist fassungslos: Alle werden sie für die Mörderin halten!
Katharina II. bejaht viele Ideen der Aufklärung, aber die von Montesquieu geforderte Gewaltenteilung lehnt sie für Russland ab: In diesem ausgedehnten Reich sei es notwendig, den Zeitverlust beim Übermitteln von Nachrichten und Anordnungen durch rasche Entscheidungen des absoluten Monarchen auszugleichen. Nicht nur Auszüge, sondern komplette Berichte und Gesetzesentwürfe müssen ihr vorgelegt werden; ungelesen unterschreibt sie nichts. Von ihren Ministern lässt sie sich zwar beraten, aber sie fungiert selbst als Finanz-, Wirtschafts-, Kriegs-, Innen- und Außenminister. Ab 1765 beschäftigt sie sich intensiv mit einer grundlegenden Rechtsreform und entwirft dazu eine in 22 Kapitel und 655 Paragrafen gegliederte "Große Instruktion", die Voltaire als "Evangelium für die gesamte Menschheit" preist. Die Zarin schreibt selbst satirische Artikel, Memoiren, Märchen, Gedichte, Komödien und Opernlibretti; sie gibt ein vergleichendes Wörterbuch zahlreicher asiatischer, europäischer und amerikanischer Sprachen heraus, und anhand von Dokumenten aus dem Staatsarchiv setzt sie sich mit der russischen Geschichte auseinander. Den englischen Arzt Thomas Dimsdale, der 1765 ein Buch über die Pockenschutzimpfung verfasst hat, lädt sie nach St. Petersburg ein. Ihre eigenen Ärzte befürchten das Schlimmste. Doch sie bleibt dabei: Am 23. Oktober 1768 taucht Dr. Dimsdale eine Lanzette in menschlichen Pockeneiter und ritzt die Zarin damit am Arm. Grigori Orlow lässt sich ebenfalls impfen, denn er will im Zweifel zusammen mit seiner Geliebten sterben. Aber es kommt zu keinen Komplikationen - auch nicht bei Katharinas Sohn Paul Petrowitsch, der ebenfalls geimpft wird. Durch dieses mutige Beispiel verhilft sie der Pockenschutzimpfung in Russland zum Durchbruch.
Als 1763 der polnische König August III. stirbt, nutzt Katharina II. die Gelegenheit, um einen von Stanislaus August Poniatowski regierten Vasallenstaat zu etablieren. Sie erreicht zwar, dass ihr ehemaliger Geliebter zum König gewählt wird, aber Stanislaus II. verhält sich wie ein polnischer Patriot und versucht, selbst die Fäden in der Hand zu halten. 1772 teilen Katharina die Große, Maria Theresia und Friedrich der Große den größten Teil Polens unter sich auf. König Stanislaus II. Poniatowski wird nicht nach seiner Meinung gefragt; er darf weiterhin in Warschau residieren und das restliche Polen regieren.
Im Winter 1772/73 taucht am Don ein Mann in einem Mönchsgewand auf, der vorgibt, der seinen Mördern entflohene Zar Peter III. zu sein. Jetzt ruft er zur Rebellion gegen die Zarin auf. 22 000 Menschen fallen in dem Bürgerkrieg, bis die eigenen Leute ihren Anführer - Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow heißt er - den Regierungstruppen ausliefern und er in Moskau hingerichtet wird.
1774/75 ist Grigori Alexandrowitsch Potjomkin der Geliebte der Zarin. Anfang 1776 sucht er selbst einen neuen Liebhaber für sie aus. Nach wie vor trifft Katharina die Große keine Entscheidung, ohne ihn um Rat zu fragen. Sie beauftragt ihn mit der Kolonisierung der gerade eroberten Gebiete am Schwarzen Meer und reist 1787 im Alter von 58 Jahren selbst auf die Krim, um Kaiser Joseph II. und zahlreichen anderen Gästen zu zeigen, was Potjomkin dort geschaffen hat. (Potjomkins Gegner streuen das Gerücht, er habe Kulissen aufgestellt - "Potjomkinsche Dörfer" errichtet.)
Im Frühjahr 1791 kehrt Potjomkin nach St. Petersburg zurück, lädt 3000 Gäste zu einem Maskenball in seinem Palast ein, um den 62. Geburtstag der Zarin zu feiern und verabschiedet sich dann für immer von ihr. Er stirbt noch im gleichen Jahr.
Der polnische Reichstag verabschiedet am 3. Mai 1791 - vier Monate vor den französischen Revolutionären! - die erste schriftliche Verfassung Europas. Um eine Ausbreitung revolutionärer Gedanken zu verhindern, lässt Katharina die Große wieder Truppen in Polen einmarschieren und erzwingt die Annullierung der Verfassung. 1793 reißen Russland und Preußen weitere Gebiete Polens an sich, und nach einem vergeblichen Aufstand unter General Tadeusz Kosciuszko verständigen sich Zarin Katharina die Große, Kaiser Franz II. und König Friedrich Wilhelm II. von Preußen 1795 über die Aufteilung der Reste.
Mit dem schwedischen König Gustav IV. Adolf, der am 1. November 1796 volljährig wird, möchte Katharina die Große ihre Enkelin Alexandra Pawlowna verheiraten. Im Herbst 1796 folgt er ihrer Einladung nach St. Petersburg. Im letzten Augenblick - die Zarin und die Braut warten bereits mit den Gästen im Thronsaal auf den Bräutigam - platzt die Verlobung.
Wenige Wochen später - am 17. November 1796 - stirbt Katharina die Große, eine der bedeutendsten Herrscherpersönlichkeiten, nicht nur der russischen Geschichte.

Leseprobe aus:
Dieter Wunderlich, Vernetzte Karrieren. Friedrich der Grosse, Maria Theresia, Katharina die Grosse. Regensburg, September 2000

Im September 1754 ist die Großfürstin erneut schwanger. Elisabeth ordnet an, daß sie in eines der zaristischen Privatgemächer umzieht. In der Nacht auf den 1. Oktober erwacht Katharina nach ein paar Stunden Schlaf: Die Wehen setzen ein. Man ruft nach der Hebamme und hilft der Schwangeren, sich auf eine harte Pritsche zu legen. Auch Elisabeth stürzt herbei und setzt sich mit einem Morgenmantel über dem Nachthemd neben die Kreißende.
Gegen Mittag kommt das Kind. Die Hebamme hält es hoch: Es ist ein Junge. Vorsichtig wird er gewaschen und in lange Leinen- und Flanelltücher gewickelt. Dann läßt die Zarin ihren Beichtvater holen, der das Neugeborene salbt und ihm auf ihre Anordnung hin den Namen Paul gibt. Gleich darauf befiehlt Elisabeth der Hebamme, ihr mit dem Säugling zu folgen und eilt aus dem Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen.
Katharina hat ihre Schuldigkeit getan.
Sie bleibt mit einer Bediensteten allein zurück. Erschöpft und verschwitzt liegt sie auf der Pritsche in der Zugluft zwischen schlecht schließenden Fenstern und Türen. Sie bittet das Mädchen, ihr ein frisches Nachthemd zu bringen und ihr ins Bett zu helfen, aber die Dienerin wagt nicht, etwas ohne Anweisung der Zarin zu unternehmen: Sie ruft zwar mehrmals nach der Hebamme, aber die muß bei dem Neugeborenen bleiben.
Katharina hört, wie die Geburt des Stammhalters mit Glockengeläut und Salutschüssen gefeiert wird. Ihr Leib und ihre Brüste schmerzen; sie weint aber auch aus Wut. Sie bittet um einen Schluck Wasser, doch die Bedienstete geht auch darauf nicht ein.
Erst nach drei Stunden kommt eine Gräfin. "Man will sie umbringen!" schreit sie und holt selbst die Hebamme, die Katharinas Hemd wechselt und sie ins Bett bringt.

    Literatur
  • Raymond Cartier: Peter der Große. München 1963
  • Robert Coughlan: Frauen auf dem Zarenthron. Elisabeth und Katharina. Berlin / Darmstadt / Wien 1980
  • Vincent Cronin: Katharina die Große. Biographie. München 19984
  • Erich Donnert: Katharina II., die Große (1729 - 1796). Kaiserin des Russischen Reiches. Regensburg 1998
  • Carolly Erickson: Katharina die Große. Eine deutsche Prinzessin auf dem Zarenthron. Reinbek 1998
  • Hedwig Fleischhacker: Mit Feder und Zepter. Katharina II. als Autorin. Stuttgart 1978
  • Jan von Flocken: Katharina II. Zarin von Rußland. Augsburg 1998
  • Joan Haslip: Politik und Leidenschaft. Katharina II. von Rußland. Stuttgart 1978
  • Eckhard Hübner, Jan Kusber und Peter Nitsche (Hg.): Rußland zur Zeit Katharinas II. Absolutismus, Aufklärung, Pragmatismus. Köln / Weimar / Wien 1998
  • Detlef Jena: Die Zarinnen Rußlands (1547 - 1918). Regensburg / Graz 1999
  • Hans Jessen: Katharina II. von Rußland in Augenzeugenberichten. München 1978
  • Andreas Kappeler: Russische Geschichte. München 1997
  • Katharina II.: Memoiren. Hg.: Annelies Graßhoff. 2 Bände. München 19903
  • Gina Kaus: Katharina die Große. Biographie. Frankfurt am Main / Berlin 19943
  • Helmut Kopetzky: Katharina die Große. Eine Deutsche auf dem Zarenthron. Bergisch-Gladbach 1988
  • Isabel de Madariaga: Katharina die Große. Das Leben der russischen Kaiserin. München 19972
  • Robert K. Massie: Peter der Große. Sein Leben und seine Zeit. Frankfurt am Main 1991
  • Reinhold Neumann-Hoditz: Peter der Große. Reinbek 1996
  • Reinhold Neumann-Hoditz: Katharina die Große. Reinbek 19986
  • Zoé Oldenbourg: Katharina von Rußland. Deutsche Prinzessin auf dem Zarenthron. München 1969
  • Daria Olivier: Elisabeth von Rußland. Eine Biographie. München 1979
  • Claus Scharf: Katharina II., Deutschland und die Deutschen. Mainz 1996
  • Hans Schumann (Hg.): Monsieur - Madame. Der Briefwechsel zwischen der Zarin und dem Philosophen. Zürich 1991
  • George Soloweychik: Potemkin. Soldat, Staatsmann, Liebhaber. Zürich 1951
  • Henry Vallotton: Peter der Große. Rußlands Aufstieg zur Großmacht. München 1996
  • Dieter Wunderlich: Vernetzte Karrieren. Friedrich der Große, Maria Theresia, Katharina die Große. Regensburg 2000

© Kurzbiografie: Dieter Wunderlich, 2000; Leseprobe: Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1999
Mehr über das Buch "EigenSinnige Frauen. Zehn Porträts"

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