Kurzporträt von Dieter Wunderlich
Vor 25 Jahren starb die Terroristin Ulrike Meinhof in ihrer Gefängniszelle
Als der diensthabende Beamte am 9. Mai 1976 um 7.34 Uhr die Zellentür Ulrike Meinhofs in
Stuttgart-Stammheim aufschließt, hängt ihre Leiche am Fenstergitter.
Nach der eilig durchgeführten
Obduktion heißt es, die 41-Jährige habe sich selbst erdrosselt.
Ulrike war sechs Jahre alt, als ihr Vater, der Kunsthistoriker Werner Meinhof, 1940 einem Krebsleiden
erlag. Ihre Mutter Ingeborg, die nach dem Krieg als Lehrerin gearbeitet hatte, starb 1949 ebenfalls an
Krebs. Von da an kümmerte sich Renate Riemeck, eine enge Freundin der Verstorbenen, um die Waise.
Die kontakt- und diskutierfreudige Gymnasiastin Ulrike war sowohl bei den Lehrern als auch unter den
Mitschülerinnen beliebt. Sie betete vor dem Essen, nahm Violinunterricht und gab ihr mit Nachhilfestunden
verdientes Geld für Bücher aus. Entsetzt reagierte sie während des Studiums auf das atomare Wettrüsten und
Adenauers Beteuerung, bei den Kernwaffen handele es sich bloß um "eine Weiterentwicklung der Artillerie".
Im Alter von 27 Jahren heiratete sie Klaus Rainer Röhl ("K2R"), den Chef der linksradikalen
Studentenzeitschrift "konkret", der das Leben im Gegensatz zu der ernsten, kompromisslosen Journalistin
von der lockeren Seite nahm und seinen Freunden riet: "Genießt den Kapitalismus, der Sozialismus wird
hart!"
Nachdem ihre Ehe gescheitert war, zog Ulrike Meinhof mit ihren sechs Jahre alten Zwillingen Regine und
Bettina 1968 von Hamburg nach Berlin. Dort schloss sie sich der APO an, die sich gebildet hatte, als die
Opposition im Bundestag durch die Große Koalition im November 1966 zur Farce geworden war.
In erfolgreichen Kolumnen und in Hörfunkfeatures, die zur besten Sendezeit im Hessischen Rundfunk
ausgestrahlt wurden, setzte sich die Journalistin gegen soziale Ungerechtigkeiten ein und protestierte
gegen den Vietnamkrieg. Getrieben wurde sie von der Sorge, ihre Generation könne ebenso wie die ihrer
Eltern versagen und nicht laut genug aufbegehren gegen inhumane Regierungsentscheidungen.
Wenn die prominente Journalistin auf Parties über Fürsorgezöglinge, Sonderschüler, Hilfs- und
Fließbandarbeiterinnen berichtete, hörten ihr die anderen Gäste aufmerksam zu, aber sobald sie glaubten,
ausreichend Verständnis und Betroffenheit gezeigt zu haben, füllten sie ihre Teller am Büffet nach.
Schließlich bezweifelte Ulrike Meinhof, ob sie mit ihrer journalistischen Arbeit etwas verändern konnte.
Im Rahmen ihrer Recherchen über den Brandanschlag auf zwei Frankfurter Kaufhäuser am 2. April 1968 lernte
sie die Täter Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen. Sie pflichtete dem Kommunarden Fritz Teufel bei,
der gesagt hatte, es sei immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben, denn
das Gesetz, das durch Brandstiftung gebrochen werde, schütze nicht Menschen, sondern das Eigentum von
Leuten, die damit verantwortungslos umgingen.
Die Brandstifter wurden nach ihrer Verurteilung bis zur Entscheidung über ihren Revisionsantrag aus der
Haft entlassen. Sie tauchten unter, aber Andreas Baader ließ sich am 3. April 1970 in eine als
Verkehrskontrolle getarnte Falle der Polizei locken.
Gudrun Ensslin verstärkte Ulrike Meinhofs Selbstzweifel und redete ihr ein, nur mit Taten könne sie etwas
verändern. Deshalb solle sie mithelfen, Baader aus der Haft zu befreien. Nach dieser Aktion flog die
Journalistin mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und anderen zur Guerilla-Ausbildung nach Jordanien. Ihre
beiden Töchter gab sie auf; sie sollten unter neuen Namen in einem Waisenlager der PLO aufwachsen. Um das
für den Aufbau einer Untergrundorganisation erforderliche Geld zu beschaffen, überfielen Mitglieder der
Bande am 29. September 1970 innerhalb von zehn Minuten drei Banken in Berlin. Ulrike Meinhof, die sich
dabei von einem Bankangestellten mit 8.000 Mark abspeisen ließ und in der Aufregung 100.000 Mark übersah,
formulierte in mehreren Schriften die politischen Ziele der "RAF". Sie glaubte, es gehe darum, als Teil
einer globalen Revolutionsarmee einen Guerillakrieg gegen Imperialismus und Kapitalismus zu führen. Im Mai
1972 zündete die "Baader-Meinhof-Bande" Sprengsätze in Frankfurt am Main, Augsburg, München, Karlsruhe,
Hamburg und Heidelberg.
Im Monat darauf verhaftete die Polizei die führenden Köpfe der RAF. Ulrike Meinhof wurde monatelang allein
in einem toten Trakt einer Kölner Justizvollzugsanstalt eingesperrt. In Stuttgart-Stammheim begann am 21.
Mai 1975 der Prozess.
In seinem Buch "EigenSinnige Frauen. Zehn Porträts"* zeigt Dieter Wunderlich, wie aus einer braven
Gymnasiastin eine engagierte Journalistin wurde, die soziale Ungerechtigkeiten anprangerte, bis sie daran
verzweifelte, wie wenig sie verändern konnte und in der ihr eigenen Radikalität mit Sprengstoffanschlägen
mehr zu erreichen hoffte.
Zeittafel
1934 Ulrike Meinhofs Geburt
1940 Ulrikes Vater stirbt
1949 Ulrikes Mutter stirbt
1955 Nach dem Abitur beginnt Ulrike Meinhof Pädagogik und
Psychologie zu studieren
1957 18 namhafte deutsche Naturwissenschaftler protestieren gegen
die Verharmlosung der Kernwaffen
1958 Beginn der Ostermarsch-Bewegung
Ulrike Meinhof lernt Klaus Rainer Röhl kennen
1959 Ulrike Meinhof schreibt ihre erste "konkret"-Kolumne
1960 Ulrike Meinhof übernimmt die "konkret"-Chefredaktion
1961 Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl heiraten
1962 Geburt der Zwillinge Regine und Bettina
1964 Ulrike Meinhofs erstes Feature im Hessischen Rundfunk
1966 Große Koalition
1967 Der Demonstrant Benno Ohnesorg wird von einem Polizisten erschossen
1968 Nach dem Scheitern ihrer Ehe zieht Ulrike Meinhof mit ihren Zwillingen
nach Berlin
Brandanschlag auf Frankfurter Kaufhäuser
Attentat auf Rudi Dutschke
Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein
werden wegen Brandstiftung verurteilt
1969 Ulrike Meinhof beendet ihre Arbeit für "konkret" Andreas Baader
und Gudrun Ensslin, die bis zur Entscheidung
über ihren Revisionsantrag aus der Haft entlassen worden sind,
tauchen unter
1970 Andreas Baader wird verhaftet
Andreas Baader wird gewaltsam aus der Haft befreit
Guerillaausbildung der RAF-Mitglieder in Jordanien
Stefan Aust befreit Ulrike Meinhofs Kinder, die in ein
palästinensisches Waisenlager gebracht werden sollen
Die RAF überfällt drei Berliner Banken und beginnt mit dem Geld im
Untergrund eine Infrastruktur aufzubauen
Horst Mahler, Ingrid Schubert, Monika Berberich, Brigitte Asdonk
und Irene Goergens werden verhaftet
1971 Ulrike Meinhof: "Konzept Stadtguerilla"
1972 Bombenanschläge der RAF in Frankfurt am Main, Augsburg,
München, Karlsruhe, Hamburg und Heidelberg
Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe werden in
Frankfurt am Main verhaftet
Gudrun Ensslin wird in Hamburg verhaftet
Ulrike Meinhof wird in Hannover-Langenhagen verhaftet;
Beginn der Einzelhaft in Köln-Ossendorf
1973 Ulrike Meinhof bricht den Kontakt zu ihren Kindern ab
1974 Ende der Einzelhaft Ulrike Meinhofs, Verlegung nach Stuttgart-Stammheim
Holger Meins stirbt im Verlauf des 3. Hungerstreiks der RAF-Häftlinge
Günter von Drenkmann wird erschossen
Jean-Paul Sartre besucht Andreas Baader in der Haftanstalt
1975 Prozeßbeginn gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof
und Jan-Carl Raspe
1976 Ulrike Meinhofs Tod
Literatur
Mehr über das Buch EigenSinnige Frauen.
© Dieter Wunderlich
* Aus der Rede von Pastor Gollwitzer am Grabe von Ulrike Meinhof