Portrait

Ulrike Meinhof (1934-1976) Ulrike Meinhof

Inmitten des massenweisen Tötens in unserer Welt und des massenweisen Getötetwerdens liegen auf dem Weg, zu dem sie sich entschlossen hat, Menschenleben und am Schluß sie selbst*
 


Kurzporträt von Dieter Wunderlich

Vor 25 Jahren starb die Terroristin Ulrike Meinhof in ihrer Gefängniszelle
Als der diensthabende Beamte am 9. Mai 1976 um 7.34 Uhr die Zellentür Ulrike Meinhofs in Stuttgart-Stammheim aufschließt, hängt ihre Leiche am Fenstergitter.
Nach der eilig durchgeführten Obduktion heißt es, die 41-Jährige habe sich selbst erdrosselt.
Ulrike war sechs Jahre alt, als ihr Vater, der Kunsthistoriker Werner Meinhof, 1940 einem Krebsleiden erlag. Ihre Mutter Ingeborg, die nach dem Krieg als Lehrerin gearbeitet hatte, starb 1949 ebenfalls an Krebs. Von da an kümmerte sich Renate Riemeck, eine enge Freundin der Verstorbenen, um die Waise.
Die kontakt- und diskutierfreudige Gymnasiastin Ulrike war sowohl bei den Lehrern als auch unter den Mitschülerinnen beliebt. Sie betete vor dem Essen, nahm Violinunterricht und gab ihr mit Nachhilfestunden verdientes Geld für Bücher aus. Entsetzt reagierte sie während des Studiums auf das atomare Wettrüsten und Adenauers Beteuerung, bei den Kernwaffen handele es sich bloß um "eine Weiterentwicklung der Artillerie".
Im Alter von 27 Jahren heiratete sie Klaus Rainer Röhl ("K2R"), den Chef der linksradikalen Studentenzeitschrift "konkret", der das Leben im Gegensatz zu der ernsten, kompromisslosen Journalistin von der lockeren Seite nahm und seinen Freunden riet: "Genießt den Kapitalismus, der Sozialismus wird hart!"
Nachdem ihre Ehe gescheitert war, zog Ulrike Meinhof mit ihren sechs Jahre alten Zwillingen Regine und Bettina 1968 von Hamburg nach Berlin. Dort schloss sie sich der APO an, die sich gebildet hatte, als die Opposition im Bundestag durch die Große Koalition im November 1966 zur Farce geworden war.
In erfolgreichen Kolumnen und in Hörfunkfeatures, die zur besten Sendezeit im Hessischen Rundfunk ausgestrahlt wurden, setzte sich die Journalistin gegen soziale Ungerechtigkeiten ein und protestierte gegen den Vietnamkrieg. Getrieben wurde sie von der Sorge, ihre Generation könne ebenso wie die ihrer Eltern versagen und nicht laut genug aufbegehren gegen inhumane Regierungsentscheidungen.
Wenn die prominente Journalistin auf Parties über Fürsorgezöglinge, Sonderschüler, Hilfs- und Fließbandarbeiterinnen berichtete, hörten ihr die anderen Gäste aufmerksam zu, aber sobald sie glaubten, ausreichend Verständnis und Betroffenheit gezeigt zu haben, füllten sie ihre Teller am Büffet nach. Schließlich bezweifelte Ulrike Meinhof, ob sie mit ihrer journalistischen Arbeit etwas verändern konnte.
Im Rahmen ihrer Recherchen über den Brandanschlag auf zwei Frankfurter Kaufhäuser am 2. April 1968 lernte sie die Täter Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen. Sie pflichtete dem Kommunarden Fritz Teufel bei, der gesagt hatte, es sei immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben, denn das Gesetz, das durch Brandstiftung gebrochen werde, schütze nicht Menschen, sondern das Eigentum von Leuten, die damit verantwortungslos umgingen.
Die Brandstifter wurden nach ihrer Verurteilung bis zur Entscheidung über ihren Revisionsantrag aus der Haft entlassen. Sie tauchten unter, aber Andreas Baader ließ sich am 3. April 1970 in eine als Verkehrskontrolle getarnte Falle der Polizei locken.
Gudrun Ensslin verstärkte Ulrike Meinhofs Selbstzweifel und redete ihr ein, nur mit Taten könne sie etwas verändern. Deshalb solle sie mithelfen, Baader aus der Haft zu befreien. Nach dieser Aktion flog die Journalistin mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und anderen zur Guerilla-Ausbildung nach Jordanien. Ihre beiden Töchter gab sie auf; sie sollten unter neuen Namen in einem Waisenlager der PLO aufwachsen. Um das für den Aufbau einer Untergrundorganisation erforderliche Geld zu beschaffen, überfielen Mitglieder der Bande am 29. September 1970 innerhalb von zehn Minuten drei Banken in Berlin. Ulrike Meinhof, die sich dabei von einem Bankangestellten mit 8.000 Mark abspeisen ließ und in der Aufregung 100.000 Mark übersah, formulierte in mehreren Schriften die politischen Ziele der "RAF". Sie glaubte, es gehe darum, als Teil einer globalen Revolutionsarmee einen Guerillakrieg gegen Imperialismus und Kapitalismus zu führen. Im Mai 1972 zündete die "Baader-Meinhof-Bande" Sprengsätze in Frankfurt am Main, Augsburg, München, Karlsruhe, Hamburg und Heidelberg.
Im Monat darauf verhaftete die Polizei die führenden Köpfe der RAF. Ulrike Meinhof wurde monatelang allein in einem toten Trakt einer Kölner Justizvollzugsanstalt eingesperrt. In Stuttgart-Stammheim begann am 21. Mai 1975 der Prozess.
In seinem Buch "EigenSinnige Frauen. Zehn Porträts"* zeigt Dieter Wunderlich, wie aus einer braven Gymnasiastin eine engagierte Journalistin wurde, die soziale Ungerechtigkeiten anprangerte, bis sie daran verzweifelte, wie wenig sie verändern konnte und in der ihr eigenen Radikalität mit Sprengstoffanschlägen mehr zu erreichen hoffte.

Zeittafel

1934	Ulrike Meinhofs Geburt
1940	Ulrikes Vater stirbt
1949	Ulrikes Mutter stirbt
1955	Nach dem Abitur beginnt Ulrike Meinhof Pädagogik und
	Psychologie zu studieren
1957	18 namhafte deutsche Naturwissenschaftler protestieren gegen 
	die Verharmlosung der Kernwaffen
1958	Beginn der Ostermarsch-Bewegung
	Ulrike Meinhof lernt Klaus Rainer Röhl kennen
1959	Ulrike Meinhof schreibt ihre erste "konkret"-Kolumne
1960	Ulrike Meinhof übernimmt die "konkret"-Chefredaktion
1961	Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl heiraten
1962	Geburt der Zwillinge Regine und Bettina
1964	Ulrike Meinhofs erstes Feature im Hessischen Rundfunk
1966	Große Koalition
1967	Der Demonstrant Benno Ohnesorg wird von einem Polizisten erschossen
1968	Nach dem Scheitern ihrer Ehe zieht Ulrike Meinhof mit ihren Zwillingen
	nach Berlin
	Brandanschlag auf Frankfurter Kaufhäuser
	Attentat auf Rudi Dutschke
	Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein 
	werden wegen Brandstiftung verurteilt
1969	Ulrike Meinhof beendet ihre Arbeit für "konkret" Andreas Baader 
	und Gudrun Ensslin, die bis zur Entscheidung
	über ihren Revisionsantrag aus der Haft entlassen worden sind, 
	tauchen unter
1970	Andreas Baader wird verhaftet
	Andreas Baader wird gewaltsam aus der Haft befreit
	Guerillaausbildung der RAF-Mitglieder in Jordanien
	Stefan Aust befreit Ulrike Meinhofs Kinder, die in ein 
	palästinensisches Waisenlager gebracht werden sollen
	Die RAF überfällt drei Berliner Banken und beginnt mit dem Geld im 
	Untergrund eine Infrastruktur aufzubauen
	Horst Mahler, Ingrid Schubert, Monika Berberich, Brigitte Asdonk
	und Irene Goergens werden verhaftet
1971	Ulrike Meinhof: "Konzept Stadtguerilla"
1972	Bombenanschläge der RAF in Frankfurt am Main, Augsburg,
	München, Karlsruhe, Hamburg und Heidelberg
	Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe	werden in 
	Frankfurt am Main verhaftet
	Gudrun Ensslin wird in Hamburg verhaftet
	Ulrike Meinhof wird in Hannover-Langenhagen verhaftet;
	Beginn der Einzelhaft in Köln-Ossendorf
1973	Ulrike Meinhof bricht den Kontakt zu ihren Kindern ab
1974	Ende der Einzelhaft Ulrike Meinhofs, Verlegung nach Stuttgart-Stammheim
	Holger Meins stirbt im Verlauf des 3. Hungerstreiks der RAF-Häftlinge
	Günter von Drenkmann wird erschossen
	Jean-Paul Sartre besucht Andreas Baader in der Haftanstalt
1975	Prozeßbeginn gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof 
	und Jan-Carl Raspe
1976	Ulrike Meinhofs Tod

Literatur

Mehr über das Buch EigenSinnige Frauen.

© Dieter Wunderlich

* Aus der Rede von Pastor Gollwitzer am Grabe von Ulrike Meinhof

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