Portrait

Romy Schneider Romy Schneider

Sissi? Ich bin doch längst nicht mehr Sissi ...
 


Kurzporträt von Dieter Wunderlich

Das populäre österreichische Schauspieler-Ehepaar Magda Schneider und Wolf Albach-Retty wohnte auf dem Anwesen "Mariengrund" bei Berchtesgaden. Dort kamen am 23. September 1938 ihre Tochter Rosemarie und einige Jahre später ihr Sohn Wolfgang zur Welt.

Wolf Albach-Retty, der Sohn der berühmten Burgtheater-Schauspielerin Rosa Albach-Retty, galt nicht so sehr als Familienmensch und war selten zu Hause. Auch seine Frau kam nur zwischen den Dreharbeiten nach Mariengrund. Rosemarie Albach wuchs in der Obhut eines Kindermädchens und ihrer Großeltern mütterlicherseits auf.

Ihre Eltern ließen sich 1945 scheiden. Um sich und die beiden Kinder ernähren zu können, nahm Magda Schneider alle Engagements an, die sie bekommen konnte. Dadurch war sie weiterhin selten zu Hause. Aber für die Großeltern wurde die Betreuung der beiden lebhaften Kinder immer belastender. 1949 kam Rosemarie in das von Augustinerinnen geführte Internat Goldenstein. In den vier Jahren, die sie dort verbrachte, wurde sie einige Male von ihrer Mutter besucht, von ihrem Vater nie.

Mit 14 kehrte Rosemarie nach Mariengrund zurück. Sie sollte ihrer Mutter nach Köln folgen, die dort inzwischen mit dem Gastronomen Hans Herbert Blatzheim verheiratet war. Im Sommer 1953 drehte Magda Schneider in München. Als Filmtochter der Hauptdarstellerin, schlug jemand vor, könne man doch gleich ihre leibliche Tochter engagieren. Rosemarie Albach fuhr mit dem Zug nach München und erhielt aufgrund der Probeaufnahmen die Rolle. Unter dem Künsternamen "Romy Schneider" wurde sie bekannt.

Vom Beruf einer Schauspielerin hatte Romy Schneider schon lang geträumt. Jetzt merkte sie, dass er auch mit Nachteilen verbunden war: Sie konnte sich nicht mehr unbeobachtet in der Öffentlichkeit bewegen und isolierte sie sich von Gleichaltrigen. Dass sie keine negativen Schlagzeilen lieferte, war nicht nur für ihre eigene Karriere entscheidend; auch ihr Stiefvater Hans Herbert Blatzheim erwartete es von ihr, denn er nützte Romy Schneiders Bekanntheit für Werbezwecke aus: Wo immer er ein neues Restaurant eröffnete, musste sie sich zeigen.

1955 drehte Ernst Marischka mit der 16-jährigen Romy Schneider und dem zehn Jahre älteren Karlheinz Böhm den Unterhaltungsfilm "Sissi. Mädchenjahre einer Kaiserin" über Elisabeth von Österreich. "Sissi, die junge Kaiserin" und "Sissi. Schicksalsjahre einer Kaiserin" folgten 1956 und 1957. Die außergewöhnlich erfolgreiche Trilogie verschaffte Romy Schneider nicht nur sehr viel Popularität, sondern auch das Image eines "süßen Mädels", das nach ihren eigenen Worten "wie Grießbrei" an ihr kleben blieb.

Während der Dreharbeiten zu einer Neuverfilmung von Arthur Schnitzlers "Liebelei" verliebte sich Romy Schneider 1958 in den drei Jahre älteren französischen Filmschauspieler Alain Delon. Die großbürgerlich erzogene Tochter folgte dem 1955 aus dem Indochinakrieg zurückgekehrten Bohemien nach Paris. Im März 1959 verlobten sich die beiden bei einem von Hans Herbert Blatzheim arrangierten werbewirksamen Fest am Luganer See.

Während Alain Delon einen Film nach dem anderen drehte, langweilte Romy Schneider sich in seiner Wohnung. Auf deutsche Filmangebote wartete sie vergeblich, weil ihr die Presse verübelte, dass sie nach Frankreich gezogen war.

Durch Alain Delon lernte Romy Schneider den italienischen Regisseur Luchino Visconti (1906 - 1976) kennen, der ihr eine Hauptrolle in dem Theaterstück "Schade, dass du eine Hure bist" anbot. Dabei hatte sie zuvor nur im Schülertheater gespielt und fühlte sich in der französischen Sprache unsicher. Trotz ihrer Angst vor dem Versagen sagte sie zu. Die Premiere im Théâtre de Paris am 29. März 1961 -- mit Ingrid Bergman, Anna Magnani, Jean Marais und Curd Jürgens im Publikum -- war ein voller Erfolg.

Dadurch wurde Orson Welles auf Romy Schneider aufmerksam und engagierte sie für seinen Film "Der Prozess" (1962; Buch: Orson Welles und Antoine Tudal, nach dem Roman von Franz Kafka; Kamera: Edmond Richard; Darsteller: Anthony Perkins, Jeanne Moreau, Orson Welles, Romy Schneider u.a.)

Im Herbst 1963 veröffentlichten die Zeitungen Fotos von Alain Delon mit der Schauspielerin Nathalie Bathélemy, und als Romy Schneider von Dreharbeiten aus den USA nach Paris zurückkam, war Alain Delon bereits mit seiner neuen Geliebten nach Mexiko abgereist. Romy Schneider schnitt sich die Pulsadern auf, wurde aber noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht.

Als Hans Herbert Blatzheim 1965 in Berlin eine Reihe von Restaurants eröffnete, verschaffte ihm seine Stieftochter durch ihre Anwesenheit wieder die gewünschte Werbung. Bei einer dieser Gelegenheiten lernte Romy Schneider den 14 Jahre älteren, mit der Schauspielerin Anneliese Römer verheirateten Berliner Boulevard-Regisseur und -Schauspieler Harry Meyen (eigentlich: Harald Haubenstock) kennen. Nach seiner Scheidung im Mai 1966 heiratete er am 15. Juli 1966 Romy Schneider. Am 3. Dezember wurde Romy Schneider von einem Sohn entbunden, den sie David nannte. Erst allmählich merkte sie, dass Harry Meyen unter schweren Depressionen litt, die sich durch berufliche Misserfolge verschlimmerten.

Nach dem Tod von Hans Herbert Blatzheim im Mai 1968 stellte sich heraus, dass er vom Vermögen seiner Stieftochter 1,2 Millionen Schweizer Franken veruntreut hatte, um sein Unternehmen vor dem Bankrott zu retten.

1973 trennte Romy Schneider sich von ihrem Mann und zog mit ihrem Sohn David von Berlin nach Paris. Im Juli 1975 erfolgte die Scheidung. Um nicht über das Scheitern ihres Privatlebens grübeln zu müssen, stürzte sie sich in die Arbeit. Wenn sie nicht vor der Kamera stand, erschrak sie über die Leere in ihrem Dasein.

Am 18. Dezember 1975 heiratete sie den neun Jahre jüngeren Daniel Biasini, der im Vorjahr als ihr Privatsekretär angefangen hatte. Einige Tage nach der Hochzeit erlitt sie eine Fehlgeburt, doch am 21. Juli 1977 wurde sie von ihrer Tochter Sarah entbunden. Sie kaufte einen alten Bauernhof in Ramatuelle, ließ ihn umbauen und zog mit ihrer Familie dort ein. Weil sie in Ramatuelle den Trubel der Großstadt vermisste, kehrten sie einige Jahre später nach Paris zurück. Die Boulevardpresse berichtete über Daniel Biasinis Affären, und Romy Schneider versuchte offenbar, das Scheitern auch dieser Ehe durch Alkohol und Tabletten zu verdrängen. Anfang 1981 trennte Daniel Biasini sich von Romy Schneider -- und der 14-jährige David bestand darauf, bei seinem Stiefvater zu bleiben, obwohl er seine Mutter damit sehr verstörte. In dieser schlimmen Zeit musste ihr wegen eines Tumors die rechte Niere entfernt werden, und am 5. Juli 1981 verunglückte David beim Überklettern eines Eisengitters und erlag seinen Verletzungen im Krankenhaus, bevor Romy Schneider eintreffen konnte.

Ein halbes Jahr später erwarb Romy Schneider ein Anwesen in Boissy-sans-Avoir, 50 km vor Paris. Dort wollte sie sich mit ihrem neuen Lebensgefährten Laurent Pétain um ihre vier Jahre alte Tochter kümmern. Aber sie zog dort nicht mehr ein.

Nach einem Restaurantbesuch am 28. Mai 1982 setzte sie sich in ihrer Pariser Wohnung mit einem Glas Rotwein an den Schreibtisch, während Laurent Pétain zu Bett ging. Am nächsten Morgen fand er sie noch immer am Schreibtisch: Die 43-Jährige war an Herzversagen gestorben.

© Dieter Wunderlich 2003

Die Fakten dieser Kurzbiografie entnahm der Autor v. a. dem Buch Ich gehe immer aufs Ganze'. 10 Frauenporträts von Karin Feuerstein-Praßer (2002).
Keine trockenen Kurzbiografien, sondern farbige Porträts zehn außergewöhnlicher Frauen enthält auch sein Buch "EigenSinnige Frauen" (2002: 4. Auflage).

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