Portrait

Dame Edith Sitwell (1887-1964)
Edith Sitwell mit ihren Brüdern Osbert und Sacheverell

"My personal hobbies are reading, listening to music, and silence."
 

Ende der Achtziger brachte die Frankfurter Verlagsanstalt ein Buch über "Englische Exzentriker" auf den Markt. Darin konnte man so sonderbaren, wie liebenswerten Menschen begegnen wie Squire Mutton, der neben Pferden auch schon mal einen Braunbären ritt und als Gegenmittel für einen Schluckauf sein eigenes Nachthemd entzündete. Oder Lord Rokeby, der kaum je seine Badewanne verliess, und wenn doch, so brauchte er kaum Kleidung, denn ein gewaltiger Bart bedeckte seine Blöße wenigstens von vorne. Oder Diamond Coates, Dandy und Schauspieler, dessen Aufführungen ihn nicht selten in Lebensgefahr brachten, dank eines temperamentvollen Publikums.

Das Buch war kein schlechter Erfolg und so erschien bald eine Fortsetzung "Piraterie und Pietät" (die jene Kapitel enthielt, die man aus dem englischen Original erst nicht übernommen hatte) und eine Autobiographie "Mein exzentrisches Leben". (Man beachte die zarte Andeutung auf das Erfolgsbuch, der englische Titel lautet "Taken care of"). Letztgenanntes brachte erst Aufklärung, wer Dame Sitwell wirklich war: Eine Dichterin! Und als solche ist sie in ihrem Heimatland bekannt. Keine Anthologie englischer Gedichte ohne eines ihrer Werke.

Jane, Jane,
Tall as a crane,
The morning light creaks down again;

Comb your cockscomb-ragged hair,
Jane, Jane, come down the stair.

Der Anfang von "Aubade" beschreibt nicht nur eine Magd, sondern die Autorin selber. Ein Kranich, kein Perlhuhn; ein Windhund, kein Pekinese. Mehr mit Charakter als mit Schönheit gesegnet, stilisierte sie ihr Erscheinungsbild mit außergewöhnlichen Kleidern, Schmuck und Hüten. So versank sie nie in der Masse, sondern bot einen eher schwer zu verdrängenden Anblick.

Ungeliebt von den Eltern war ihre Kindheit alles andere als ein Paradies. Ein der "Eisernen Jungfrau" verwandtes orthopädisches Folterinstrument, von ihr "stählerne Bastille" genannt, das sie wegen einer Rückgratverkrümmung tragen musste, machte ihr Leben auch nicht gerade erträglicher. Aber sie blieb kein Einzelkind, sondern bekam noch zwei Brüder und Osbert und Sacheverell waren ihre Rettung. Ihre Brüder gaben ihr all die Liebe, die ihre Eltern ihr vorenthielten. Es ist nicht verwunderlich, dass die drei Geschwister bis zum Tod eng verbunden blieben und zeitweise zusammen lebten.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges entrann Edith dem elterlichen Haus und ging mit ihrer Gouvernante Helen Rootham nach London. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie bei einer Pensionskasse. Gleichzeitig stürzte sie sich in das intellektuelle Leben ihrer Zeit, ohne mit dem Bloomsbury Circle, DER Intellektuellengruppe, recht warm zu werden. 1915 erschien ihr erster Gedichtband "The Mother and Other Poems". Wie alle ihre Werke wurde es zwiespältig aufgenommen.

In den Zwanzigern wurden Dame Sitwell und ihre Brüder der Mittelpunkt eines eigenen einflussreichen literarischen Zirkels. William Walton, ein moderner Komponist, vertonte ihre Gedichte "Facade" und brachte sie mit ihr zusammen zur Aufführung. Er besorgte die Musik, sie rezitierte durch eine Art Megaphon. Die Zuschauerreaktionen waren tumultartig: wer nicht vorzeitig die Aeolian Hall verliess, schmähte heftig und laut. Edith wurde geraten, hinter dem Vorhang verborgen auf der Bühne abzuwarten, bis sich das Publikum zerstreut hatte. Diamond Coates hätte sich sicher heimisch gefühlt. (Auffürungen mit Edith Sitwell lagen anscheinend öfter ausserhalb des normalen Rahmens. Als sie 1950 in New York den Monolog der Lady Macbeth zum Besten gab, mussten einige Männer aus dem Saal getragen werden.)

Nach einem längeren Aufenthalt in Paris kehrte sie pünktlich zum Zweiten Weltkrieg nach England zurück. Langsam wandelten sich die Verrisse in Lobreden, beileibe nicht von allen Seiten, aber was wäre das für eine Avantgarde, die von allen gepriesen wird? Immerhin war Dame Sitwell nun eine anerkannte Lyrikerin, die nach dem Krieg zu Lesereisen in die USA eingeladen wurde. Sie war mit Aldous Huxley, mit Dylan Thomas befreundet, wurde von Robert Fry, Wyndham Lewis, Pawel Tschelitschew portraitiert. Zeitlebens blieb sie so exzentrisch wie die Gestalten in ihrem Buch "Englische Exzentriker": kompromisslos in ihrem Äusseren, kompromisslos im Umgang mit "Bewunderern". Ein schönes Beispiel dafür ist dieser Brief.

Kleine Bibliographie der in Deutschland erhältlichen Werke:
Englische Exzentriker
Piraterie & Pietät
Queen Victoria
Mein exzentrisches Leben
Edith Sitwell. Eine Biographie

Websites:
Edith Sitwell. A dame fine poet.

erstellt vom Leseclub

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