Portrait

Rahel Varnhagen (1771 - 1833) Rahel Varnhagen

Das nenn' ich eine emanzipierte Frau ...
 


Kurzporträt von Dieter Wunderlich

Rahel kommt am 26. Mai 1771 in Berlin als Tochter eines reichen preußischen Schutzjuden zur Welt. Höhere Schulen bleiben dem Mädchen verschlossen, und ihr Bruder, der seit dem Tod des Vaters das Handelsunternehmen der Familie leitet, erlaubt ihr auch keine geschäftliche Tätigkeit.
Im Alter von 24 Jahren beginnt Rahel Levin, jede Woche mit einer Gruppe von vorwiegend männlichen Besuchern über Literatur, Kunst, Philosophie, das Leben, Theateraufführungen und Universitätsvorlesungen zu diskutieren. In Rahels Salon begegnen sich Dichter, Künstler, Philosophen und Staatsmänner. Besitz und Standesunterschiede bedeuten hier ebensowenig wie religiöse Gegensätze. Auf Witz und Verstand kommt es an.
Johann Wolfgang von Goethe, dem sie 1795 vorgestellt wird, zeigt sich von Rahel Levins Eigenständigkeit des Denkens beeindruckt: "Ja, es ist ein liebevolles Mädchen; sie ist stark in ihren Empfindungen und doch leicht in ihrer Äußerung. Jenes gibt ihr eine hohe Bedeutung, dies macht sie angenehm. Jenes macht, dass wir an ihr die große Originalität bewundern, und dies, dass diese Originalität liebenswürdig wird, dass sie uns gefällt ... Sie ist, soweit ich sie kenne, in jedem Augenblick sich gleich, immer in einer eignen Art bewegt und doch ruhig - kurz, sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte."
Am 27. Oktober 1806 reitet Napoleon durchs Brandenburger Tor. Zwei Jahre lang bleibt die französische Besatzung in Berlin. Die Katastrophe verändert das Leben in der preußischen Hauptstadt. Das Unternehmen der Levins gerät in Schwierigkeiten, und Rahel - die von regelmäßigen Zahlungen aus dem Familieneinkommen lebt - muss ihre Ausgaben einschränken.
Die Fremdherrschaft reißt die Intellektuellen in Deutschland aus ihrer politischen Gleichgültigkeit. Heinrich von Kleist fordert seine Landsleute auf, die Franzosen totzuschlagen. Das aufkeimende Nationalbewusstsein verdrängt den Kosmopolitismus der Berliner Salons, und der aufflammende Hurrapatriotismus richtet sich nicht nur gegen die Franzosen, sondern auch gegen die Juden. Rahels Gäste bleiben nach und nach aus.
1803 lernt sie Karl August Varnhagen kennen. Die beiden verlieren sich rasch wieder aus den Augen, bis sie sich im Frühjahr 1808 zufällig bei einem Spaziergang Unter den Linden über den Weg laufen. Varnhagen bewundert Rahels Esprit, rühmt ihre Klugheit und macht sich zum Priester seines Idols. Rahel Levin erschrickt über die Leidenschaftlichkeit des 14 Jahre Jüngeren, aber sie kümmert sich um ihn und spornt ihn an, das ihm verhasste Medizinstudium wieder aufzunehmen. Doch im Sommer 1809 meldet er sich zur österreichischen Armee. Fünf Jahre später nimmt die inzwischen 43 Jahre alte Rahel Levin seinen Heiratsantrag an und lässt sich taufen, weil eine Eheschließung zwischen einer Jüdin und einem Christen nicht möglich wäre. Vier Tage später findet die Hochzeit statt.
Karl August Varnhagen reist als Diplomat im preußischen Gefolge zum Wiener Kongress. 1816 wird er zum preußischen Geschäftsträger am badischen Hof ernannt. Aber seine Karriere endet so jäh wie sie begann. 1819 zieht das Ehepaar wieder nach Berlin - wo Rahel erneut einen Salon eröffnet. Es geht diesmal allerdings vornehmer zu als in ihrem ersten Salon: die Gesellschaft plaudert nicht mehr am Teetisch, sondern an einer festlich gedeckten Tafel.
Rahel Varnhagen leidet zeitlebens darunter, dass sie eine Frau und noch dazu eine Jüdin ist. Sie betrachtet sich jedoch nicht als hilfloses Opfer eines Schicksals, sondern nimmt ihr Leben selbst in die Hand und versucht im kleinen Kreis eine humanistische Gesellschaft zu verwirklichen.
Am 7. März 1833 stirbt sie im Alter von 62 Jahren.

© Dieter Wunderlich 2001
Leseprobe
aus: Dieter Wunderlich: EigenSinnige Frauen. Zehn Porträts.
"Eine schöne Seele"
Rahel Varnhagen schreibt mehr als zehntausend Briefe an dreihundert Menschen, "poetische Passagen, philosophische und gesellschaftliche Einsichten, Aphorismen, Literaturkritiken, Abhandlungen über Schauspielkunst, Tanz, Malerei und Musik, sogar Tagebucheintragungen." Obwohl dieser Gedankenaustausch immer privat und häufig intim ist, findet sie nichts dabei, wenn die Briefe anderen Menschen zum Lesen weitergereicht werden; sie denkt sogar darüber nach, die Korrespondenz für eine spätere Veröffentlichung zu sammeln.
"Nichts charakterisiert Rahels Stil prägnanter als seine Angemessenheit zu ihrer Lebensart: sie schreibt, wie sie geht und steht. Ihre schriftliche Rede wirkt so mündlich, daß man mitunter verblüfft ist, sie tatsächlich schwarz auf weiß vor Augen zu haben. Ihr ungemein spontaner, sprunghafter, drauflosfahrender Ton will keine elaborierten Argumentationen transportieren. Er konfrontiert den Leser mit Paradoxen und Hyperbeln, kühnen Metaphern und gewaltsamen Umstellungen, vor allem aber mit Auslassungen und Brüchen."
Ihrer Schwester Rose schreibt Rahel: "Weiber … haben der beklatschten Regel nach gar keinen Raum für ihre eigenen Füße, müssen sie nur immer dahin setzen, wo der Mann eben stand und stehen will; und sehen mit ihren Augen die ganze bewegte Welt wie etwa einer, der wie ein Baum mit Wurzeln in der Erde verzaubert wäre … Mache dir auch Zerstreuung … geh an Orte, wo neue Gegenstände, Worte und Menschen Dich berühren … Wir Frauen haben dies doppelt nötig; indessen der Männer Beschäftigung wenigstens in ihren eignen Augen auch Geschäfte sind, die sie für wichtig halten müssen, in deren Ausübung ihre Ambition sich schmeichelt; worin sie ein Weiterkommen sehen, in welcher sie durch Menschenverkehr schon bewegt werden: wenn wir nur immer herabziehende, die kleinen Ausgaben und Einrichtungen, die sich ganz nach der Männer Stand beziehen müssen, Stückeleien vor uns haben. Es ist Menschenunkunde, wenn sich die Leute einbilden, unser Geist sei anders und zu andern Bedürfnissen konstituiert, und wir könnten z. E. ganz von des Mannes oder Sohnes Existenz mitzehren."
Rahel Varnhagen leidet zeitlebens darunter, daß sie eine Frau und noch dazu eine Jüdin ist. Aber sie betrachtet sich nicht als Opfer eines Schicksals, sondern nimmt ihr Leben selbst in die Hand und statt sich aufzugeben, gewinnt sie ihre geistige Unabhängigkeit, indem sie anregende Gespräche und Briefwechsel führt. In ihrem kleinen Kreis versucht sie eine humanistische Gesellschaft zu verwirklichen. "Das nenn' ich eine emanzipierte Frau. Mit Stricken festgebunden zu sein an die Vergangenheit, die Herkunft, das Geschlecht, die allgemeine Meinung - und sich doch befreien können. Nicht durch Flucht, denn wir können nicht flüchten, sondern durch Damit-fertig-werden. ... Das nenn' ich emanzipiert sein: Sich frei machen von allem, ‚was die Leute denken', nicht nachbeten, nicht nachtun. Sich selbst finden, und den Mut haben, selbst zu sein."

Fußnoten wurden fortgelassen.
© Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1999

    Literatur
  • Arendt, Hannah: Rahel Varnhagen. München / Zürich, 19979
  • Bähtz, Dieter (Hg.): Rahel Varnhagen. Briefe und Aufzeichnungen. Frankfurt am Main 1986
  • Danzer, Gerhard (Hg.): Frauen in der patriarchalischen Kultur. Literaturpsychologische Essays über Germaine de Staël, Rahel Varnhagen, Karen Horney und Simone de Beauvoir. Würzburg 1997
  • Gleissner, Roman: Das liebliche Sagen des Wissens. Rahel Levin über die weibliche Seite des Sprechens. In: Norbert Altenhofer und Renate Heuer (Hg.): Jüdinnen zwischen Tradition und Emanzipation. Jahrbuch des Archivs Bibliographia Judaica. Bad Soden 1990
  • Hahn, Barbara, und Ursula Isselstein (Hg.): Rahel Levin Varnhagen. Die Wiederentdeckung einer Schriftstellerin. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Beiheft 14, Göttingen 1987
  • Hoffmann, Gabriele: Frauen machen Geschichte. Von Kaiserin Theophanu bis Rosa Luxemburg. Bergisch Gladbach 1991
  • Hoock-Demarle, Marie-Claire: Die Frauen der Goethezeit. München 1990
  • Isselstein, Ursula: Emanzipation wovon und wofür? Das Beispiel der Familie Levin aus Berlin. In: Norbert Altenhofer und Renate Heuer (Hg.), Jüdinnen zwischen Tradition und Emanzipation. Jahrbuch des Archivs Bibliographia Judaica. Bad Soden 1990
  • Jacob, Heinrich Eduard: Felix Mendelssohn und seine Zeit. Frankfurt am Main 1981
  • Jens, Walter: Rahel Varnhagens Briefe. In: Walter Jens und Hans Thiersch (Hg.), Deutsche Lebensläufe in Autobiographien und Briefen, Frankfurt am Main 1991
  • Stern, Carola: Große Frau und große Geister. Rahel Varnhagen. In: Marianne Lienau und Wolf Dieter Ruppel (Hg.), ZeitZeichen - Frauen. Köln / Frankfurt am Main 1978
  • Stern, Carola: "Ich möchte mir Flügel wünschen". Das Leben der Dorothea Schlegel. Reinbek 1990
  • Stern, Carola: Der Text meines Herzens. Das Leben der Rahel Varnhagen. Reinbek 1994
  • Thomann Tewarson, Heide: Rahel Varnhagen. Reinbek 19923
  • Dieter Wunderlich: EigenSinnige Frauen. Zehn Porträts. Regensburg 1999

Mehr über das Buch EigenSinnige Frauen.

© Dieter Wunderlich

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